Occupy Brandenburg
Am Samstag, dem 18. Dezember 2010 begann der »Arabische Frühling«, nachdem sich einen Tag zuvor der Tunesier Mohamed Bouazizi selbst angezündet hatte, um gegen die Polizei- und Behördenwillkür seines, bei uns hauptsächlich als billiges Urlaubsziel bekannten Landes zu protestieren. Seine Tat brachte Tunesien in Aufruhr. Wie ein Lauffeuer erfasste eine für uns Westler völlig unerwartete Bürgerbewegung erst Ägypten und griff dann auf Libyen, Syrien, den Jemen, Bahrain und andere arabische Länder über. Und während wir noch darüber staunten, dass es eine arabische Welt jenseits von Diktatur und Islamismus gibt, passierte etwas, das wir noch weniger erwartet hatten: Junge Menschen ließen sich von dem zivilen Ungehorsam der Araber inspirieren und begannen zunächst an der Wall Street, bald aber auch an anderen großen Börsenzentren mit der »Occupy«-Bewegung. Unter dem Motto »The only solution is World Revolution« protestieren sie seither gegen die Macht des globalen Finanzkapitalismus.
Obwohl diese Bewegung bis heute (Ende Oktober) nicht besonders viele Protestler auf die Straße gebracht hat, fand sie eine riesige mediale Aufmerksamkeit. Zahlreiche deutsche Politiker erklärten eiligst ihr »Verständnis«. Das dürfte ihre Besorgnis spiegeln, die Euro-Krise könnte an den Grundfesten unser Demokratie rütteln. Dabei ist das auf die Abgabe von Verantwortung an die Parteien eingespielte System ohnehin schon erschüttert. Nach »Stuttgart21«, nach Fukushima und angesichts der Kaperfahrt der »Piraten« in Berlin. Da scheint das Vertrauen der Bevölkerung in unsere parlamentarischen Institutionen weitgehend erschöpft. Fragt sich nur: Was kommt danach?
So unterschiedlich die Ursachen und so verschieden die Erscheinungsformen der aktuellen Protestbewegungen sein mögen: Was sie verbindet, ist der Anspruch der Bevölkerung, die Entwicklung der Gesellschaft mitzugestalten und nicht länger der Willkür elitärer Minderheiten ausgeliefert zu sein. Offensichtlich handelt es sich, wie bei der Finanzkrise, um ein globales Phänomen. Während allerdings die Menschen in den arabischen Staaten gerade erst damit beginnen, eine Zivilgesellschaft aufzubauen, geht es bei uns darum, die Demokratie von den herrschenden Eliten zurückzuerobern, damit unsere schleichende Entmündigung nicht immer weiter voranschreitet.
Jüngstes Beispiel dafür ist die Schulgesetznovelle in Brandenburg, die ganz unverblümt darauf abzielt, die freien Schulen im Land zurückzudrängen. Wahlrecht der Eltern? Initiative von Lehrerinnen und Lehrern? Wettbewerb um pädagogische Ideen? Spielt alles keine Rolle, denn es gilt, die zentrale staatliche Hoheit im Bildungswesen zu verteidigen – auch gegen den Willen der Bevölkerung. Mündigkeit ist ein flüchtiges Gut, das immer neu errungen werden muss. Bei der Frankfurter Paulskirchenversammlung im Jahr 1848 rief der Neißer Abgeordnete Pauer der Versammlung zu: »Wenn Sie die Freiheit des Volkes wollen, schaffen Sie freie Schulen!« 165 Jahre später geht es immer noch darum. Occupy Brandenburg!
Kommentar - Bildung in der Diskussion
Liebe Leserinnen und Leser,
auf diesen Seiten kommentieren wir einige bildungspolitische Entwicklungen, die für das das Schulwesen in Deutschland und Schleswig-Holstein von Bedeutung sind.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre, die Sie zu einer Auseinandersetzung mit unseren Ideen herausfordert, an deren Ende Sie Lust verspüren, selbst aktiv einzugreifen. Dann kommen wir der Verwirklichung der Bürgergesellschaft auch im Schulwesen näher!
Herzliche Grüße,
Ihr Henning Kullak-Ublick

- Das Schulwesen in der Zivilgesellschaft setzt auf Freiheit und mündige Bürger
- Das Erbe des Obrigkeitsstaates in Deutschland behindert bis heute echte Reformen
Von Henning Kullak-Ublick
Migrantenkinder lernen in Deutschland nicht nur schlechter - sie lernen immer schlechter. Das sagt jedenfalls eine Auswertung der letzten PISA-Studie. Nun ist die Aufregung wieder einmal groß. Aber: Genügen die bisherigen Rezepte? Ein despektierlicher Kommentar.
"Öffentliche Erziehung scheint mir ganz außerhalb der Schranken zu liegen, in welchen der Staat seine Wirksamkeit entfalten muss." Diese Worte schrieb der preußische Minister und Universitätsgründer Wilhelm von Humboldt vor mehr als 200 Jahren an seinen Kabinettschef Uhden.
Das Schleswig-Holsteinische Parlament muss demnächst über einen Antrag der CDU abstimmen, der die Sperrung von Finanzmitteln für neu gegründete freie Schulen verkürzen und die Sperrung der Finanzmittel für konzeptionelle Innovationen an bereits genehmigten Schulen abschaffen will.
Bildungsstandards sind die Parole der Stunde. Da 2002 für die Bildungspolitik in Deutschland zum "Jahr PISA" geworden ist, wird nun das Heil in Standards gesucht. Aber: Lässt sich Bildung überhaupt standardisieren?
Die deutschen KultusministerInnen haben als Reaktion auf PISA zunächst vor allem eins zu Stande gebracht: Weitere Standardisierungen. Sie setzen damit noch einmal auf eben jenes lahmende Pferd, das unser Schulwesen dahin getragen hat, wo es heute steht.
Zwei schulpolitische Vorschläge sorgten in diesem Sommer für Schlagzeilen:
Bügel statt Bildung
Vor anderthalb Jahrhunderten (1864) verlor das Königreich Dänemark beim Deutsch-Dänischen Krieg einen bedeutenden Teil seines Territoriums. Der Krieg hatte das Land bis zum Äußersten strapaziert und es stand vor einer wirtschaftlichen Katastrophe. Wie reagierte König Christian IX.? Er verdoppelte die Bildungsausgaben und rechtfertigte dies vor seinem entsetzten Kabinett mit den Worten: "Arm sind wir schon! Wenn wir jetzt auch noch dumm werden, haben wir das Recht auf einen eigenen Staat verloren."


