PISA und das Leben (05.08.2001)

Die deutschen KultusministerInnen haben als Reaktion auf PISA zunächst vor allem eins zu Stande gebracht: Weitere Standardisierungen. Sie setzen damit noch einmal auf eben jenes lahmende Pferd, das unser Schulwesen dahin getragen hat, wo es heute steht.

Dabei wäre es gar nicht so schwer, Bewegung in das Schulwesen zu bringen, würde der Blick über den Gartenzaun nicht immer wieder von der urdeutschen Voraussetzung getrübt, dass der Staat es sei, welcher die Schulen federführend betreiben und reformieren müsse: Schon der Blick zu unseren skandinavischen und niederländischen Nachbarn könnte zeigen, dass die Entstaatlichung der Schulen nicht nur zu besseren schulischen Leistungen, sondern auch zu einer wesentlich lebendigeren, weil wandlungsfähigeren pädagogischen Landschaft führt.

Die Idee, dass der Staat der Betreiber der Schulen sein müsse, stammt noch aus der Zeit des Absolutismus, der das gesamte öffentliche Leben unter die Aufsicht des Staates stellte - damals ein Befreiungsakt gegen die Vorherrschaft der Kirchen, heute aber ein Anachronismus, der nicht mit einer mündigen Bürgergesellschaft rechnet, die das öffentliche Leben dezentral regeln kann.

Es wird keine wirklich substanziellen Reformen im Bildungswesen geben, solange es der Willkür der wechselnden Parlamentsmehrheiten mit ihren jeweiligen Steckenpferden ausgesetzt ist. Abhilfe kann nur geschaffen werden, wenn zwischen den Schulen ein fruchtbarer Wettbewerb entsteht, wenn also die Eltern und Schüler/innen eine wirklich freie Wahl der Schule haben. Das setzt aber voraus, dass alle Schulen - gleich, ob sie kommunale oder freie Träger haben - nach gleichen Maßstäben finanziert werden. Warum sollen nicht die Eltern und die Schüler/innen selbst entscheiden, an welche Schule ihre Steuergelder fließen? Mit einem intelligenten System der Mittelzuweisung, wie beispielsweise dem immer wieder diskutierten Bildungsgutschein, ließen sich sowohl der Wettbewerb als auch ein dynamisches System der Evaluation unter den Schulen fördern.
Der Pisa-Schock mag heilsam sein, aber nur, wenn er nicht neue pädagogische Patentrezepte, sondern ein lebendiges Schulwesen fördert. Dazu gehört der Abschied vom staatlichen Bildungsmonopol, das ja auch heute nur noch aufrecht erhalten werden kann, weil die freien gegenüber den staatlichen Schulen durch immer neue Erlasse und Gesetze massiv benachteiligt und in eine private Ecke gedrängt werden.

Dank sei Pisa, wenn die Studie uns lehrt, dass Chancengleichheit in Wahrheit Chancenvielfalt bedeutet - eine Einsicht übrigens, welche alle pädagogischen Spatzen schon immer von den Dächern gepfiffen haben!

Henning Kullak-Ublick