Rudolf Steiner

Man muss den alten Zopf bekämpfen, der auf staatlicher Grundlage das Schulwesen aufbauen will! Man muss danach streben, es zu erzwingen, dass das freie Geistesleben seine vollberechtigte freie Schule bauen kann! Wir wollen nicht von Staates Gnaden Winkelschulen errichten.

"Es handelt sich darum,

dass wir hier lernen, praktisch zu denken, und dass wir dann auch zu praktischen Taten kommen. Als die Waldorfschule begründet worden ist, habe ich gesagt: Die Waldorfschule ist schön; aber damit, dass wir die Waldorfschule begründet haben, ist noch nichts getan auf diesem Gebiete. Es ist höchstens ein allererster Anfang gemacht. Sogar nur der Anfang eines Anfangs...

Dann erst hat die Waldorfschule einen Sinn... Nur wenn solches Nachfolge findet, hat das einen Sinn. Und es hat nur dann einen Sinn, wenn es aus der richtigen praktischen Gesinnung heraus ersprießt. Dies fehlt, wenn diejenigen, die schwärmen für die Ideen der Waldorfschule, nicht einmal soviel Verständnis entwickeln, dass ja dazu gehört, Propaganda zu machen gegen die Abhängigkeit der Schule vom Staat - mit allen Kräften einzutreten, dass der Staat die Schule loslässt. Wenn Sie nicht den Mut dazu bekommen, die Loslösung der Schule vom Staat zu erstreben, dann ist die ganze Waldorfschul-Bewegung für die Katz. Denn sie hat nur einen Sinn, wenn sie hineinwächst in ein freies Geistesleben."

(S.117f) Vortrag vom 12.10.1920, gehalten in Dornach, in "Vertiefung der Dreigliederungsidee Bd.III", GA 337b (erscheint Frühjahr 1999)

"Darum handelt es sich:

dass man wirklich hinarbeitet in großem Maßstab auf eine wirkliche Befreiung des Geistes- bzw. des Schullebens. Dazu ist so etwas nötig wie eine Art Weltschulverein. Es muss möglich werden, dass gar nicht mehr die Frage aufzuwerfen ist, ob denn in den verschiedenen Ländern Schulen wie die Waldorfschule errichtet werden können, sondern es muss eben durch die Gewalt der Überzeugung einer genügend großen Anzahl von Menschen diese Möglichkeit überall geschaffen werden...

Wir müssen nicht Winkelschulen errichten wollen. Sondern wir müssen überall die Möglichkeit hervorrufen, überall eine freie Schule in dem heute geschilderten Sinne zu errichten. Eine große Bewegung, bei der eigentlich jeder Mensch, der über die Aufgaben der Zeit denkt, Mitglied werden müsste, müsste entstehen: damit durch die Macht eines solchen Weltbundes das herbeigeführt würde, was solche Schulen überall zur Errichtung bringen könnte...

Da muss man schon einen Idealismus aufbringen, dem die Börse nicht zu gut ist, um für die Ideale der Menschheit auch etwas zu tun. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muss durchaus bis ins praktische Leben hineindenken. Das heißt nicht bloß in die Wolken, sondern bis in die Börse. Da gibt es ja auch Winkel und Ecken, die eben dem praktischen Leben durchaus angehören!"

(S. 123 ff) Vortrag vom 24.2.1921, gehalten in Utrecht, in "Erziehung zum Leben", GA 297a

"Ich bin überzeugt davon,

dass die wichtigste Angelegenheit für die soziale Menschheitsentwicklung die Begründung eines solchen Weltschulvereins ist, der in weitesten Kreisen den Sinn für reales, konkretes freies Geistesleben erweckt. Wenn solche Stimmung über die Welt hin existieren wird, dann wird man nicht Waldorfschulen als Winkelschulen errichten müssen, die von Staates Gnaden bestehen, sondern dann werden die Staaten gezwungen sein, da, wo freies Geistesleben wirklich Schulen begründet, aus ihren eigenen Bedingungen heraus diese Schulen voll anzuerkennen, ohne von staatlicher Seite aus irgendwie hineinzureden..."

(S.128) Vortrag vom 27.2.1921, gehalten in Den Haag, in "Erziehungs- und Unterrichtsmethoden auf anthroposophischer Grundlage", GA 304'

"Aber wir wünschen nicht,

dass man möglichst viele Winkelschulen nach dem Muster der Waldorfschule errichtet. Sondern was wir wollen ist, dass in weitesten Kreisen auf internationalem Gebiete die Einsicht entsteht: Man muss den alten Zopf bekämpfen, der auf staatlicher Grundlage das Schulwesen aufbauen will! Man muss danach streben, es zu erzwingen, dass das freie Geistesleben seine vollberechtigte freie Schule schaffen kann!

Wir wollen nicht von Staates Gnaden Winkelschulen errichten. Wir werden nicht unsere Hand dazu bieten. Sondern was notwendig ist, das ist das Verständnis für einen solchen Völkerbund, wie er spirituell-geistig in dem Weltschulverein liegt. Das würde die Menschen über das weite Erdenrund in einer großen, einer Riesenaufgabe zusammenführen!"

(S.128f) Vortrag vom 28.2.1921, gehalten in Amsterdam, in "Erziehung zum Leben", GA 297a'

"...dass die Möglichkeit,

in einem Weltschulverein zu wirken, davon abhänge, dass sich die Überzeugung, dass ein neuer Geist in das allgemeine Schulwesen einziehen müsse, in einer möglichst großen Anzahl von Menschen verbreitet. Ich habe darauf hingewiesen, dass es heute gar nicht darauf ankommen könne, da oder dort Schulen zu begründen, die vereinzelt dastehen würden, und in denen man eine in dieser oder jener Hinsicht verbreitete Methode anwendet, sondern dass aus dem Gedanken des sich selbst tragenden, in sich befreiten Geisteslebens heraus das Schulwesen der neueren Zivilisation in die Hand genommen werden müsse, das Schulwesen aller Kategorien, aller Stoffe.

Soviel mir bekannt geworden ist, sind die Worte und Aufforderungen, die ich bis jetzt gesprochen habe, das einzige, worüber ich im Grunde zu berichten habe! Diese Worte waren darauf berechnet, in der zivilisierten Bevölkerung der Gegenwart ein Echo zu finden. Ich habe von keinem solchen Echo zu berichten...

Das ist das Schwierige, dass man heute so wenige Menschen mit jener Begeisterung findet, die ein wirkliches inneres Dabeisein bewirkt mit dem, was sie ja immerhin auch gern hören.

Und deshalb freue ich mich immer, wenn Jugend sich findet, die etwas darüber zu sagen hat, wie sie das oder jenes, was sie sucht, da oder dort noch findet. Denn ich glaube, aus solchen Impulsen wird doch das hervorgehen, was wir zu aller Einsicht, zu allem Verstehen brauchen: innerliches Dabeisein! - innerliches Dabeisein, das weiß, wie stark die Metamorphose sein muss, die uns von den Niedergangskräften einer alten Zivilisation zu den Impulsen einer neuen Zivilisation führt.

Jawohl, wir brauchen gewissenhaftes Verständnis, wir brauchen eine eindringliche Einsicht. Wir brauchen aber auch vor allen Dingen das, was die Jugend aus ihren Naturanlagen heraus bringen könnte. Wir brauchen aber nicht nur in der Jugend, wir brauchen in den weitesten Kreisen der gegenwärtigen zivilisierten Menschheit nicht nur Einsicht, nicht nur eindringliches Verständnis der Wahrheit, wir brauchen Begeisterung für die Wahrheit!"

(S.129) Vortrag vom 5.4.1921, gehalten in Dornach, in "Die befruchtende Wirkung der Anthroposophie auf die Fachwissenschaften", GA 76

"In früheren Zeiten ...

lebte sich der Mensch instinktiv in das Wirtschaftsleben hinein. Jetzt muss das Hineinleben in die Wirtschaft immer bewusster und bewusster werden. So wie der Mensch - ich sagte es schon - schulmäßig das Einmaleins lernt, wie er andere Dinge schulmäßig lernt, so muss er schulmäßig in der Zukunft die Dinge lernen, die sich auf das Leben in dem sozialen Organismus, auf das wirtschaftliche Leben beziehen.

Der Mensch muss sich fühlen können als ein Glied des Wirtschaftsorganismus. Es wird freilich für manche Menschen eine Unbequemlichkeit sein, weil schon einmal andere Denk- und Empfindungsgewohnheiten eingerissen sind, welche durchgreifende Änderungen erfahren müssen. Nicht wahr, wenn heute einer nicht wissen würde, wieviel drei mal neun ist, so würde er für einen ungebildeten Menschen gehalten werden. In manchen Kreisen wird einer schon für einen ungebildeten Menschen gehalten, wenn er nicht weiß, wer Raffael oder Leonardo war. Aber man wird im allgemeinen in gewissen Kreisen heute nicht für einen ungebildeten Menschen gehalten, wenn man keinen rechten Aufschluss zu geben vermag über das, was Kapital ist, was Produktion, was Konsumtion in ihren Verhältnissen sind, was Kreditwesen ist und so weiter, gar nicht zu reden davon, dass die wenigsten Menschen eine klare Vorstellung von dem haben, was ein Lombardgeschäft ist und dergleichen."

Vortrag vom 8.2.1919, gehalten in Bern, in "Der innere Aspekt des sozialen Rätsels", GA 193

Kernpunkte der sozialen Frage / GA 23:

"Man will sich nicht leicht zu der Einsicht bequemen, die auf diesem Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, dass in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum Irrtum werden kann, was in einer früheren richtig ist."

"Die soziale Frage wird für jeden Augenblick der weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen lässt. Dieses muss stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung. Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es ebensowenig wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. Aber die Menschen können in solche Gemeinschaften eintreten, dass durch ihr lebendiges Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende Glied des sozialen Organismus."
(Vorrede, S.7 und S.14)

Schule / Lehrer:

"Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch alles geistige Leben herauswächst, muss in die Verwaltung derer gestellt werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft tätig ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten nur so viel Zeit aufzuwenden, dass er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht. Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz unmittelbar erfahren wird, das fließt auch in die Verwaltung ein. Es ist naturgemäß, dass innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und Fachtüchtigkeit in dem höchst möglichen Maße wirken." (Vorrede, S.10/11)

Recht auf Muße:

"Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses Geisteslebens durch die Menschheit muss auf dem freien Seelenbedürfnis beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfänglichkeit für ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, welche durch den aus sich wirkenden politischen Staat davor behütet werden, nur dem Zwang zur Arbeit zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Muße gibt, welche das Verständnis für geistige Güter weckt. Den Menschen, die sich 'Lebenspraktiker' dünken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen: Die Menschen werden ihre Mußezeit vertrinken, und man werde in den Analphabetismus zurückfallen, wenn der Staat für solche Muße sorgt, und wenn der Besuch der Schule in das freie Verständnis der Menschen gestellt ist. Möchten solche 'Pessimisten' doch abwarten, was wird, wenn die Welt nicht mehr unter ihrem Einfluss steht. Dieser ist nur allzu oft von einem gewissen Gefühle bestimmt, das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße verwenden, und was sie nötig hatten, um sich ein wenig 'Bildung' anzueignen. Mit der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch zündende Kraft ausüben können."

GA 23: "Die Kernpunkte der Sozialen Frage", 2.Kap., S.84/85